Looping undercover

Gemütlich saß Dr. TECHNIK in einem seiner zahlreichen Sessel, zuhause vor seinen Computern, Fernsehapparaten, jenen zahlreichen Bildschirmen auf denen er live das weltweite Corona-Geschehen verfolgte.

Dabei blieb er auch immer wieder an den neusten Verschwörungstheorien hängen.
Sicher schenkte er diesen nicht den geringsten Glauben. Dennoch liebte er Verschörungstheorien. Er liebte es, wie diese Theorien in den Köpfen der Menschen ihre Kreise zogen und sie nachhaltig verwirrten.

Er selbst hätte gern genügend Kreativität besesssen, um solche absurden Thoerien zu erfinden.
Doch dafür war die Intelligenz von Werner Heisenberg, die mittels SD-Karte in seinem Kopf steckte, leider nicht ausgelegt.

Gerade lehnte er sich noch einmal tief in seinen liebsten Sessel. Er schlürfte laut an seinem Starbucks-Kaffee mit Kokosraspeln und Zimtstückchen. Auch darum liebte er es allein zu sein. Denn er konnte ungehemt und unentwegt laute Körpergeräusche von sich geben. Auch schlimmere, solche mit Geruch oder Auswurf.

Plötzlich aber klingelte es an Dr. Techniks Tür. Schwerfällig wadete der Mann durch seine Wohnung. Er erwartete eigentlich Niemanden.
„Wer ist da?“, fragte er freundlich, ein wenig zögernd.
„Amazon, ihre Bestellung! – Der neue High-Tech-Klodeckel.“
„Mein neuer High-Tuch-Klodeckel!“, Dr. TECHNIK sang diesen Satz und langsam schob er jene Tür zur Seite, hinter welcher er, Dr. TECHNIK noch immer im Pyjama hockte. Doch wer stand da vor seiner Tür? Was war Unerwartetes geschehen? Dr. Technik erschrak sich furchtbar. Sprang fast mädchenhaft ein Stück zur Seite.

„Lydia Looping, sind das etwa Sie?“

Und schon ereignete sich ein Tumult. Eine Kampfszene.
Ohne ein Wort der Einleitung.
Ohne ein Antwort.

„Ha.

„Pling. – Peng.“

„Geben Sie mir sofort den geheimen Code zur Entschärfung des Corona-Virus!“, kreischte Looping.

„Looping? – Sind Sie das wirklich? Ohne Schminke und mit so fettigen Haaren, hätte ich sie fast nicht wieder erkannt …“

„Ich war eben den ganzen Tag zu Hause! Oder haben sie noch nie eine ungeschminkte Frau mit fettigen Haaren gesehen?“

„Pling. – Peng.“

„Hack.“
„Huck.“
„Puff.“
„Doing.“

„Vielleicht sollten Sie sich beim nächsten Mal ein Schild umhägen, auf dem drauf steht, dass Sie es sind!“

„Sie sind ein Chauvinist! – ein Misanthrop.“

„Ihre bildungssprachlichen Ausdrücke sind in einem Superhelden-Comic unangebracht, Frau Looping.“

„Das ist kein Comic oder sehen sie etwa hier irgendwo Bilder?“

„Ding.“

„Puff.“

„Doing.“

„Ja, denn ich imaginiere sie, Frau Looping.“

„Das klingt pervers.“

„Peng. Bum.“

„Looping ich sag dir’s. – Du wirst diesen geheimen Corona-Code von mir niemals kriegen.“

„Doch werde ich.“

„Nein, wirst du nicht. – Geh lieber weiter Deine Pakete ausfahren.“

„Werde ich doch! – Und wenn ich weitere fünf Wochen auf diese Art gegen Sie kämpfen muss.“

„Wenn du nicht aufhörrst, Looping, dann bespucke ich Dich mit meinem hoch dosierten Corona-Atem.“

„Für Dich immer noch Frau Looping und außerdem bin ich immun gegen Menschenviren.“

Da pustete Dr. Technik Looping hart ins Gesicht.

„Urghhs. Ihr Atem ist trotzdem hart! … Riecht eher nach massenhaft Knoblauch!“

Plötzlich fiel Looping, während sie krampfhaft versuchte in Dr. Techniks Wohnung nach Hinweisen auf den Corona-Code zu suchen, ein Schreiben in die Hände. Ein sehr herausstechendes Schreiben.
Nicht zu verkennen war darauf das Emblem von Amazon.

„Kooperieren sie etwa mit Amazon?“, kreischte Looping erschrocken.

Dr. TECHNIK erstarrte und errötete leicht.

„Haben sie es deshalb getan? – Wegen des Geldes?“

„Sie sind nicht einfach nur ausgesprochen böse, sondern vor allem geldgierig? – Ist es das?“

Looping ließ den Kopf hängen, sie ging. Das war selbst ihr zu viel. Sie zog Dr. Techniks Tür hinter sich zu und torkelte noch halb benommen vom Kampf ins Treppenhaus. Dort ließ sie sich auf einer der Treppen nieder, senkt den Kopf in ihre Hände und fing hemmungslos an zu weinen. Gegen das meiste ließe sich mit Sicherheit kämpfen. Aber wenn Amazon im Spiel war, musste selbst Looping kapitulieren.

Mit Amazon hatte es doch noch nie nie niemals Jemand aufnehmen können!

Und ihr den nächsten Folge:
Kann es Looping mit der geheimen Kraft der Küchenmaschinen gelingen, Dr. Technik etwa doch noch zu besiegen?

Dr. TECHNIK braut sich ein Virus zusammen

Hier war er, Dr. TECHNIK. Vor wenigen Minuten noch war er lethargisch durch sein Technikmuseum geschlendert, jetzt aber rannte er. Ja, er hüpfte nahezu. Dieser Mann war voller Euphorie. Endlich hatte er – der doch sein Leben ein Griesgram gewesen war – Spaß am Leben! Das, was er jahrelang bei Anderen nur neidisch belächelt hatte, fand sich nun in ihm selbst: Humor, Wortwitz.

Dieser Humor, den er sich aus Loopings Kopf gestohlen hatte hielt, was Dr. TECHNIK sich davon versprochen hatte. Dr. TECHNIK strotzte nur so vor Euphorie. „Juchhei!“ schrie er ein weiteres Mal im Rennen. Er wurde schneller. Hüpfte von einem Bein aufs Andere.

„Jetzt bin ich intelligent und humorvoll. Jetzt bin ich beides in einem. Nimm zwei!“

Aber das reicht mir nicht, dachte der Selbstsüchtige bald schon wieder. Ich, der mich ein Leben lang einsam und von der Welt abgeschieden gefühlt habe will RACHE.

„Was nur kann ich dafür Schönes tun?“

TECHNIK verharrte einen Moment und graulte sich das Kinn:
„Ah, ich hab’s! Ich habe Lust mal wieder mit hochgradig ansteckenden Viren herumzuexperimentieren.“

Eindrückliche Phantasien wachsen und wucherten in seinem Kopf. Katastrophenszenarien taten sich vor Dr. TECHNIKS geistigen Auge auf. Dabei stellte sich seine filigrane Phantasie sogleich jene gewöhnlichen Menschenseelen vor, wie diese nur noch überleben, indem sie tagelang mit sich selbst allein blieben. Ausgangsperren würden verhängt werden. Keiner würde mehr raus dürfen. Ich, aber Dr. TECHNIK könnte endlich im Homeoffice, ohne Hose arbeiten.

„Ahahahahahahah, ja genau das ist es!“, zwitscherte Dr. TECHNIK vergnügt. Dabei seilte sich ein winziger Tropfen Speichel von seiner Lippe herab. Die Vorstellung diese Welt zukünftig auf jene perfide Weise verunstaltet zu sehen, gefiel ihm einfach zu sehr. Und Dr. TECHNIK musste bei den Gedanken an seine genialen Ideen immer wieder mädchenhaft kichern.

„Ich werde euch alle einsam machen!“ sagte er und klatschte vor Euphorie in die Hände.

Doch diesmal war auch Lydia Looping, die einstige Stewardess (nun nur noch Besucherbetreuerin) gerade an ihm vorbei geschritten, um wie jeden Tag die Ausstellungsobjekte in dem ihr zugewiesenen Bereich zu bewachen und wie jeden Tag alle Übergriffe auf jene Objekte haltlos zu übersehen.

Einzig den Worten von Dr. TECHNIK hatte sie nicht überhören können. Sollte sie sich bei dieser Aussage gar verhört haben? Ging es wirklich so schnell, dass Dr. TECHNIK Schabernack mit ihrem filigranen und vielschichtigen Humor würde treiben wollen?

„Einsam sollt ihr Menschenseelen alle sein. – Denn womit ihr große Problem haben werdet, ist das Alleinsein. Ist es, eure eigene Gesellschaft zu ertragen. Ahahahahahahahahahahah!“

„Oh, nein Dr. TECHNIK!“, sagte das Looping zu sich selbst.

„Ich würde ja versuchen meine Superheldenkräfte zu reaktivieren, aber ich bin doch immer so tollpatschig.“, fuhr Looping fort und legte eine Hand vor ihrem offenen stehenden Mund ab. Als Dr. TECHNIK seinen Fluch wiederholt laut ausgesprochen hatte, bestätigte sich für die tollpatschige Superheldin jener schlimme Verdacht. Von gieriger Euphorie durchdrungen leuchteten indes bereits Dr. TECHNIKs Augen. Zielstrebig schritt dieser auf sein Labor zu. Exzessiv machte dieser sich an die Arbeit und nutzte dabei reichlich die Intelligenz von Werner Heisenberg, welche zusammen mit dem Humor von Lydia Looping mittels einer handelsüblichen SD-Karte in seinem Kopf steckte. Er war schnell wie der Blitz und hatte schon bald einen heimtückischen Virus zusammen geschüttet.

Unablässig und voller Spaß rieb er sich die Hände aneinander.

„Nun komm mein kleiner Virus! – Zeig mir, dass du bereit bist dein Unwesen in gewöhnlichen Menschenkörpern zu treiben!“, sagte Dr. TECHNIK und schaute noch einmal tief ins Reagenzglas.

„Na gut, hab Lust“, sagte das Virus, als die riesige Nase von Dr. TECHNIK ihm immer näher zu kommen drohte.
Dr. TECHNIK isolierte das Virus sorgsam. Nach einer nur kurzen Experimentierphase konnte Dr. TECHNIK schon das kleine Virus vor sich hin und her schütteln. Als er damit fertig war, buchte er sogleich einen Kurztrip nach Asien. Das wäre sicher der perfekte Ort, um das Virus auszusetzen.

Darüber hinaus hegte Dr. TECHNIK eine filigrane Liebe zu weitgehend unbekannter Science Fiction Literatur und hatte die Bücher von Dean Koontz schon immer verschlungen. Und so war es sicher kein Zufall, dass er beschloss, das Virus in Wuhan auszusetzen.

Er drappierte sich vor den Toren dieser großen Stadt und sein Schattenriss zeichnete sich eindrucksvoll hinter ihm, Dr. TECHNIK ab, während dieser sich bückte, um das Virus auf seine große Reise durch unzählige Menschenkörper zu schicken.

„Nun schau mein kleiner Virus, dass du schön groß und stark wirst und dich in unzählig vielen Menschen vermehrst. „

„Na gut!“, sagte das Virus wieder.

Und Dr. TECHNIK wollte es schon losschicken, da fiel ihm auf, dass er dem Virus noch gar keinen Namen gegeben hatte. Er beugte sich noch einmal zu ihm herunter und fragte das Virus gleich selbst. Na, wie willst du denn heißen, Kleines!?

„Corona, so wie diese Partys …“

„CAROLA?“, fragte Dr. TECHNIK

„Nein, Corona! – wie dieses Bier, Sie wissen schon!“

„Nun gut, so soll es sein, mein kleines Virus. Ich taufe dich auf den Namen Corona!“

Dr. TECHNIK war und blieb verblüfft über sich selbst. Die Eigenschaften, welche er von Werner von Heisenberg und Lydia Looping ergaunert hatte, machten aus ihm ein explosives Geschöpf. Noch lange blieb er haltlos romantisiert vor den Toren Wuahns stehen. Er lachte das gemeine Lachen eines Superschurken, während die Sonne allmählich hinter den Häusern von Wuhan verschwand.

Und in der nächsten Folge:
Kann es Lydia Looping trotz Kontakt- und Ausgangssperre gelingen, Dr. TECHNIK aufzuspüren, um von ihm den geheimen Code zur Entschlüsselung eines hochgradig ansteckenden Virus zu ergattern?

Looping verliert ihren Humor

Looping rieb ihre schweißkalten Hände aneinander. Sie sprach und schien dabei kleiner zu werden. 

„Aber Dr. Technik, aber, aber, aber … das ist voll hart!“, stotterte sie. 

Vor ihr saß Dr. Technik. Bedrohlich stützte dieser seine Arme auf der Tischplatte ab. Blähte sich vor Looping auf. Er hatte Frau Looping während des Dienstes mit ihrem Telefon erwischt. Ein sofortiger Kündigungsgrund. Es gäbe die Möglichkeit sie nicht für ihr Vergehen zu sanktionieren. Dafür aber müsse Looping ihm ihre wohl nützlichste Eigenschaft überlassen. 

„Aber Dr. Technik, was kann das sein?“, wisperte das Looping.

„Dein Humor. – Looping, was sonst!“

Looping riss die Augen auf:

„Meinen Humor!“

„Ja. Gib mir deinen Humor!“ 

Dr. Technik hatte sich mittels List bereits der Intelligenz eines Anderen bedient. Niemand, außer ihm selbst wusste es. Doch in seinem Hinterkopf steckte schon seit Jahren Werner von Heisenberg Intelligenz, welche Dr. Technik mittels einer winzigen SD-Karte dort hinein gesteckt hatte. Er hatte diese beim Staubwischen in den geheimen Archiven des Technoversums gefunden.

Ihr elektrisches Pulsieren allein war der Grund für seine außergewöhnlichen Leistungen. Nur so hatte jenes monströse Technoversum entstehen können, von dem die ganze Stadt in den höchsten Tönen schwärmte. 

Doch Dr. Technik war gierig. Er wollte mehr. Mit dem Witz von Lydia Looping würde er seiner eigenen Vorstellung von Perfektion noch näherkommen. Ihr Humor würde seinen perfiden Plan von grenzenloser Selbstoptimierung weiter aufgehen lassen. 

Gierig glänzten seine fleischigen Lippen bei all diesen Gedanken über sich selbst, über seine Genialität und seinen zukünftigen Humor. 

„Aber Dr. Technik, mein Humor ist doch wirklich alles was ich noch habe.“, piepste Looping.

„Wenn sie mir ihren Humor nicht geben, Frau Looping, dann werde ich sie weitere 6 Jahre in einem Loch unter Museumsfußboden schmoren lassen.“

„Nein, Dr. Technik bitte tun sie das nicht! – Ich flehe sie an!“

Wieder rückte Dr. Technik näher an sie heran. Diesmal schien seine monströse Nase fast ihre Stirn zu berühren. 

„Dann gib mir deinen Humor, Looping!“

Looping erschrak sich furchtbar. Sie hatte keine Wahl. Sie griff sich an die Schläfe, wo ihr Humor laut Dr. Technik steckte. Sie musste fest daran ziehen. Dieser Humor ließ sich wirklich nicht leicht aus ihr herausbekommen. Vielleicht wäre es bei der Traurigkeit viel einfacher gewesen. 

Er war wie ein Härchen an einer falschen Stelle im Gesicht, welches die Pinzette nicht erwischen wollte. 

Endlich hatte sie ihn. Sie hielt ihn in Dr. Techniks Richtung, der gierig danach grabschte. 

Zitternd setzte er sich die kleine SD-Karte an die Schläfe. Als sein Kopf das Kärtchen endlich in sich hineingezogen hatte, geschah es schnell, dass Dr. Technik mädchenhaft zu kichern begann. Auch leuchteten seine Augen auf einmal ungewohnt fröhlich. 

Bald schon lief er sogar laut lachend davon. 

„Pling-Peng! Die Welt ist lustig.“

Er ließ Lydia Looping zurück. Diese sah ihn noch einige Moment aus der Ferne, wie er sich sogar laut lachend den Bauch hielt. 

„Pling-Peng. Pling-Peng!“

Looping aber wurde indes von einer schweren Melancholie befallen. Sie schritt zurück an ihre Position im Museum und senkte den Kopf zu Boden. Wie auch in den Tagen zuvor bewachte sie den von ihr zugewiesenen Bereich. Doch nun schrubbten ihre Augen den Museumsfußboden und grenzenlos erschien ihr die Dienst-Zeit. Sie begann manisch sich jeden Riss und jede Schramme einzuprägen, allein damit ihr Kopf etwas zu tun hatte. 

Und in der nächsten Folge:
Kann es Looping schnell gelingen, Dr. Technik davon abzuhalten irreparable Schäden mit ihrem Humor anzurichten?

Looping schlägt die ZEIT tot!

Es war an Lydia Loopings 1095. Tag als Besucherbetreuerin hinter jenen Museumsmauern. Sie frönte ihrem üblich grausigen Dasein als nicht gebrauchte Superheldin. Mit hängendem Kopf und einem traurigen Gesichtsausdruck schlürfte sie durch den ihr zugeordneten Ausstellungsbereich. Sie schaute auf die Uhr: noch 7 Stunden 30 Minuten und 59 Sekunden bis zum Feierabend.

Was nur habe ich in meinem Leben falsch gemacht?

Ohne etwas Wirkliches zu tun, verbrauchten sich ihre Superheldenkräfte gefühlt viel schneller, als wenn man ihr auch nur eine einzige Aufgabe gegeben hatte. Aber genau das war das Fieseste an Lydia Loopings Job. Es gab nichts zu tun. Nichts. Nicht mal Nichts. Immer nur Rumstehen. Warten. Das war die größte Folter. Selbst in ihren schlimmsten Flugbegleterinnen-Jobs hatte sie vielleicht nicht annähernd so gelitten wie hier.

Bald schon würde sie sich nach außen auch nicht mehr mit dem Satz: Ich bin eben jung und brauche das Geld! und einem kurzen Kichern vor eben jenen Leuten rechtfertigen können, die immerzu fragen müssen, was man beruflich so macht. Pfff. Ihr Lebenslauf war bereits unwiederbringlich zerstört.

Und das Schlimmste! Lydia Looping wurde älter. Jede Nacht ergraute entweder eines ihrer Haare oder es fiel eben gleich aus. Unter ihren Augen verzogen sich ersten Falten zu regelrechten Furchen. Solchen, die auch bei Nicht-Lachen und völliger Entspannung aller Gesichtsmuskeln ihre dramatische Verzerrung beibehielten und eben frech ein gewisses Alter verrieten.

Scheiße, ich bin über dreißig, dachte Lydia Looping.
Scheiße, Ich bin auch schon dreiunddreißig.

Scheiße, Ich wurde schon seit einiger Zeit beim Alkohol kaufen nicht mehr nach dem Ausweis gefragt. Außerdem werde ich neuerdings auf der Straße überwiegend mit Sie angesprochen, mit Sie!!! – Und das alles, ohne das ich auch nur das Geringste erreicht habe in meinem Leben. Wenn ich nicht bald den Weg aus dem Museum heraus finde, werde ich für immer hinter diesen fiesen miesen Museumsmauern bleiben und einem Dasein als vollkommen unterforderte Besucherbetreuerin bis ins hohe Rentenalter fristen.

Ein paar Tränen rannen Lydia Looping übers Gesicht und blieben in den oben erwähnten Furchen saftig kleben. Früher waren die doch immer tropfend auf den Boden gerutscht. Manno.

Dafür habe ich also ZEHN Semester Superheldenwissenschaften studiert?, dachte sie weiter.

ZEHN VERDAMMTE Semester! – Pfff.

Tja, hätte sie es halt mal selbst schaffen müssen, Achterbahn, den gemeinen Superschurken zu besiegen. Nun war Lydia Looping eben in dieses Museum verbannt. Und dort würde sie auch bleiben und zwar genau so lange, bis sie wenigstes eines der zahlreichen technischen Objekte bis ins Detail verstanden hätte. Erst wenn sich das Looping genügend Know-How über zumindest ein technisches Gerät angeeignet hätte, bestünde eine Chance einen Weg aus dem Grau dieser Lethargie heraus zu finden. Eine Chance, deren Chancen sofort wieder schwinden, wenn man bedenkt, dass Looping dieses Wissen dann auch noch praktisch hätte anwenden müssen. Ach, Ach.

Und so begab es sich, dass das Looping nun schon ihren 1095. Tag hinter den fiesen miesen Museumsmauern verbrachte und in ihrem Verständnis leider bisher nicht merklich voran gekommen war.

Sie fühlte sich so eingesperrt. So allein gelassen. Sie war ja nicht mal eine Fußnote wert in jener atemberaubenden Superheldenszenerie. In ihrem fortgeschrittenen Alter bestanden wohl nur noch wenige Chancen auf einen Durchbruch und eine große Superheldenkarriere. Aber altern Superhelden denn überhaupt wirklich?

Egal. Traurig wanderte das Looping also in jenen Räumlichkeiten auf und ab, die ihr entweder zu Grau und dunkel oder aber zu hell und zu grell waren. Kulissen, die sich niemals wesentlich wandelten.

Jeden Tag zwischen Eisenbahnen oder lauten und aufdringlichen physikalischen Experimenten oder Schiffen oder Flugezeugen oder einer neu installierten schreienden Alexa. Das alles zusammen mit Kollegen, deren Reden auch irgendwie einer Dauerschleife glich, weil sie ständig das Gleiche erzählten oder wenn ihnen langweilig war angestrengt Probleme erfanden. So war das eben, wenn man zur Ereignislosigkeit verdammt war.

Und überhaupt, es gab schönere Orte, als dieses Museum, dachte das Looping und scharrte wie üblich vor Ungeduld mit den Füßen. Bald darauf jammerte und wimmerte sie ganz leise vor sich hin. Ihr Jammern fand an diesem Tag kein Ende:

„Dafür habe ich also 10 Semester Superheldenwissenschaften studiert.“

„ZEHN VERDAMMTE Semester!“

Wütend versuchte sie voller Gewalt gegen eine Ausstellungswand zu schlagen, doch die Wand wackelte nicht einmal und Looping musste ihre Hand vor Schmerzen schütteln.

„Blöde olle tausend Jahre alte Museumswand!“

Wieder einmal suchte sie in Gedanken nach Schuldigen und just in diesem Moment
blinkte auch schon Loopings Phone. BLING – BLING – BLING und es erschien Wonder Womans Gesicht auf dem Display. Ihre Stimme scharwenzelte in einem gekünstelten Berliner Dialekt los. Schließlich lebte auch Wonder Woman seit einiger Zeit an einem geheimen Ort in Berlin (sicher trieb sie die Mieten mit am meisten in Höhe!)

„Looping, kleene Bitch, wa! – Stell Dir jefälligst nicht so an, wie eene Prinzessin of de Erbse.“

Und noch während das Looping mit leicht verärgertem Gesichtsausdruck den Gesichtsausdruck von Wonder Woman akribisch musterte, wurde sie auch schon wieder aus ihrem Online-Face-to-Face heraus gerissen. Aus einer anderen Ecke der Ausstellungsräumlichkeiten raunte es nur:

„Looping, schnell steck das Telefon weg. Dr. TECHNIK ist unterwegs.“

Oh nein, nicht auch noch Dr. TECHNIK! – Bitte nicht heute!, dachte das Looping noch bei sich.
Sie begann ja schon schnellstens das Telefon wegzustecken, doch Dr. TECHNIK hatte sich bereits auf leisen Sohlen ganz leise aus einer unsichtbaren Ecken angeschlichen.
Arglistig tippte er dem Looping von hinten auf sie Schultern, während Loopings Hände leider noch mit dem Handyding irgendwie spielten.

Erwischt, ha, dachte Dr. TECHNIK und ein gemeines Lächeln begann auf seinen Lippen zu spielen. Doch es wandelte sich schlagartig Das Looping war nämlich so sehr vor Dr. TECHNIK erschrocken, dass es den ganzen Raum zusammen brüllte.

„AhhhhhhhhHHHHHHHHAAAHHHH!“

Ein sekundenlanges schier niemals enden wollendes Kreischen. So sehr, dass Dr. Techniks Haar im Wind dieses Schreis sogar leicht zu wehen begann.

Er antwortete indem er den Zeigefinger erhob:
„Also Frau Looping, wenn ich sie noch ein einziges Mal BEI WAS AUCH IMMER erwische, dann zitiere ich sie IN MEIN BÜRO, zum GESPRÄCH! – Und währenddessen können Sie schon mal überlegen, ob sie überhaupt für uns arbeiten wollen oder nicht…!?“

Da hatte es das Looping endlich geschafft sich zu beruhigen.

„Alles klar, Herr Dr. TECHNIK kommt niemals wieder vor!“, beteuerte das Looping, senkte den Kopf und lachte unbeholfen.

Als Dr. TECHNIK verschwunden war, schimpfte sie aber gleich noch viel mehr. Ein Abwärtsstrudel ihrer Gedanken hatte sie jetzt fest im Griff. Stampfenden Schrittes begann sie in der Ausstellung umher zu gehen.

„Keiner hat mich lieb!“

„Mein Karma is ne Bitch!“

„Immer mache ich alles falsch!“

„Mein Leben ist eine totale Faaaaaaaarce!!!“

Doch diesen letzten Satz schrie sie aus Versehen erneut ins Gesicht von Dr. TECHNIK, der doch nur eine kurze Runde gegangen war, dieser Schlingel. Schon wieder stand der wie aus dem Nichts vor ihr. Dieser Mann wurde einfach immer raffinierter.

„Faaaaaaaaaaarce!“, schrie das Looping aber noch immer ungehalten.

„FaaaaaaaaaaaahHHHHHHAAAAHHHHrce!“

Ihr Kopf war unter der Langeweile im Museum bereits so langsam geworden, dass sie nicht mehr einfach so (wie ein normaler Mensch) von einen Zustand in einen anderen switchen konnte.

Sondern wie ein langsam gewordener Computer brauchte sie nun schon mehrere Sekunden dafür.
Mit offen stehendem Mund erstarrte und verstummte sie nun doch. Ihr Gesicht lief feuerrot an. Hatte sie sich jemals in ihrem Leben so geschämt. Sie hätte im Boden versinken können.
Doch!
Oh nein! Es war Loopings besonderes Glück oder eben Pech oder gar beides in einem?

Als das Looping genauer unter sich schaute, stellte sie fest, das sich der Boden …..
… um Gottes Willen. Dieser Boden öffnete sich ja wirklich.

Bekam sie Halluzinationen oder sank sie etwa TATSÄCHLICH immer tiefer in den Boden ein? In ihrem Kopf geisterten derweil Abertausende Millionen von Gedanken, doch je mehr Gedanken es wurden und vor allem, umso mehr sie sich schämte, umso schneller schien das Looping zu sinken. Sie sah von Dr. TECHNIK zum Boden und wieder zu Dr. TECHNIK. Zentimeter für Zentimeter rutschte sie förmlich in den Boden.

Oh, nein. Ich muss sofort die Kontenance wieder gewinnen, dachte Lydia Looping, schließlich. Sonst versinke ich ja ganz. Aufgeregt hüpfte sie also von einem Bein aufs andere mit dem Ergebnis, dass sich der Boden unter ihr nur noch schneller öffnete. Bald schon war ihre Kontenance vollständig zusammen gebrochen.

Nicht mehr hüpfen!, dachte sie.

Aufhören zu hüpfen!

Doch wie immer, wenn sie etwas unglaublich sehr wollte, erreichte sie nur das Gegenteil.

„Ahhhhhh, Dr. TECHNIK, …………… sehen denn sie nicht, dass ich versinke?!“

Aber Dr. Technik schob sich nur das Monokel höher ins Gesicht und stellte verwundert fest, dass er nun zum Looping hinunter sehen musste. Lydia Looping war schon bis zu ihrem Bauchnabel versunken.

„Dr. TECHNIK! – Helfen Sie mir!“

Doch sie musste resignieren. Dr. TECHNIK wollte ihr nicht helfen. Und dieser doofe Boden unter ihren Füßen hatte sich anscheinend ohnehin schon dazu entschieden, sich dramatisch weit aufzureißen und sie Lydia Looping in einen unbekannten Abgrund zu stürzen. Blöder Arsch.

„Hier scheinen seltsame Dinge zu geschehen!“, sagte indes Dr. TECHNIK, sah noch weiter zum Looping hinunter und kratzte sich am Kopf.

„Frau Looping, ich erwarte sie baldigst in meinem Büro!“

Dann drehte er sich zum Gehen, schüttelte den Kopf und schimpfte neurotisch vor sich hin:

„Keine Handys während der Arbeitszeit.“, schimpfte Dr. TECHNIK.

„Dr. TECHNIK! – Hiiiilllffeeeee! – Ich versinke doch!“

„Nicht Rumschreien! Nicht Kreischen!“, schimpfte Dr. TECHNIK.

„Helfen Sie mir! – Dr. TECHNIK!!!! – Nein, gehen Sie nicht!“

Und schon war das Looping komplett verschwunden. Über ihr schloss sich der Boden, etwas weniger dramatisch allerdings als er sich geöffnet hatte.

Und in der nächsten Folge: – Wo nur wo ist Lydia Looping?

Wohin hat der Boden unter ihren Füßen sie verschluckt? Kann es ihr jemals gelingen auf den Boden der Tatsachen zurück zu gelangen? Gibt es unter dem Boden der Tatsachen vielleicht einen Unterboden? Einen Bereich, indem das Dasein noch schrecklicher ist als in den Ausstellungsräumlichkeiten eines technischen Museums?

Wo nur wo ist Lydia Looping? Wer könnte sie gesehen haben?

Der Gorilla-Achter

Ein verlassenes Industriegelände fernab, in einer weit entfernten Realität

Ahhhh!”

Gieeeeeehhhhhhhhhhhhhhh!

Ahhh“

AchterbahnDuSuperschurkeDeinletztesStündleinhatgeschlagenahhahahhaHHAAAARRR!”

Krach.

Booooom.

Baaaaang.

Da war sie.

Da stand sie.

Da hatte sie ihre nackte Faust durch das Panzerglas eines fest verschlossenen Fensters krachen lassen.

Es war Wonderwoman!

Ihr rotes Haar wehte gebieterisch im Wind. Der Wind aber schoß schier größenwahnsinnig geworden durch das nun offene Fenster an Wonderwoman vorbei, die diesem Wehen schonungslos stand hielt.

Eine zärtlich aufgehende Sonne ließ sie erstrahlen, die Silhouette ihres Körpers fiel in langen Schatten in den Raum hinein.

Metallisch donnerte ihre Stimme durch die kahlen Räumlichkeiten:

Achterbahn! Du Nerd! Dein letztes Stündlein hat geschlagen, lausiger kleiner Wurm!“,

Wonderwoman!“ schrie ich entzückt, als ich sie erblickte.

Sie war es wirklich, jene erste weibliche Superheldinin der Galaxie.

Wonderwoman, du bist einfach immer da, wenn ich Dich brauche.“, klatschte ich in die Hände und freute mich überschwänglich.

Looping! – Laber nich so n Scheiß, Alte! – Zieh Dir lieber das hier an!“, fauchte sie.

Ihre Absätze klapperten über den kalten neonbeschienen Betonfußboden. Sie reichte mir ein unschönes ausgewaschenes T-Shirt mit der Aufschrift:

Achterbahn, du Nerd!“ und gebot mir, dieses augenblicklich anzuziehen. Sie, die Amazone mit der manchmal so rauen Stimme. Gleich darauf tat sie einen großen Schritt in Achters Richtung. Mit ihrem Lasso fing sie den nackten Achter ein, wie man sonst nur wilde Gäule einfängt.

Sie ließ die Schlinge um seinen nackten Hintern fester werden und zwang ihn, fauchte:„Sprich Achterbahn!“

Achterbahn zunächst nur schelmisch in sich hinein lächelnd, tat wie gewöhnlich das Gegenteil von dem, was man von ihm erwartete und sprach kein Wort. Da zog Wonderwoman die Schlinge noch einmal fester:

Gib es zu, Achterbahn! Gib es endlich zu! Du bist schuld. Du bist schuld, schuld, schuld. Schuld an allem.“

Achterbahn aber sagte nichts, begann jetzt nur laut und hörbar, so schmutzig irgendwie zu lachen:

Aharararar“

Es war das waschechte Lachen eines gemeinen Superschurken. Wonderwoman geriet außer sich, sie fuhr herum. Sie blickte Achterbahn scharf in die Augen:

Zieh Dir wenigstens etwas an, Fettsack!“

Doch Achterbahs höhnisches Lachen fand keine Unterbrechung mehr. Wohl um sein primitives Primatengetue schärfer zu akzentuieren, klopfte er sich bald auf den nackten Arsch, dann auf die Brust und begann wie ein Gorilla im Raum herum zu hüpfen.

Dabei gab er primitive Primatengeräusche von sich, die gellend laut in meinen Ohren schallten.

Wie immer in derartigen Situationen konnte ich nichts mehr sagen, nicht mehr agieren. Ich erstarrte. Empört hielt ich mir eine Hand vor den weit aufgerissenen Mund und starrte Achterbahn, dem gemeinsten aller Superschurken hinterher.

In immer primitiver werdenden Primatenbewegungen turnte er durch den Raum, den ich nun in kreisenden Augen -Bewegungen scannte.

Looping! Du Träumelienchen!“, schrie Wonderwoman schließlich.

Däumelinchen?“

TÄUMELIENCHEN – Looping!“, schrie Wonderwoman ein zweites Mal und schubste mich etwas.

Dann zückte sie ihr Superheldenlasso und fing ihn, den nun Entwischten, den Umherstampfenden, den animalischen Superschurken Achterbahn wieder ein.

Als sie ihn fest im Griff hatte, zwang sie mich, ihn zu knebeln und ihm die Augen zu verbinden. So wurde er endlich still. Achterbahn war nun bereit zum Abtransport.

Wonderwoman stieß einen leisen Schrei des Ekels aus, als sie ein letztes Mal an seinem nackten Körper herabblickte. Hektisch griff sie nach einem staubigen blauen Müllsack und stülpte diesen Achterbahn notdürftig über.

Ihr Gesicht vergaß sich in einer Mimik des Angewidertseins.

So da hätten wir’s. Looping! Dein Part jetzt!“

Let’s los!“, schrie ich und eine geheime von Twitter erwählte Zeitmaschine beamte uns an supergeheimen Ort, der so geheim war, dass er selbst uns unbekannt war.

Und für immer unbekannt bleiben sollte.

Wir wussten nicht viel, nur das Nötigste. Die App hatte uns in einen Raum manövriert, für so Leute, die es toll finden, bei lebendigem Leib begraben zu werden. Wonderwoman erklärte mir, dass sie davon vor kurzem in diesem Magazin der Deutschen Bahn gelesen hätte.

Neben dem erklärten Ziel der Deutschen Bahn, Leute mobil zu machen, wolle die Bahn laut Artikel nun auch ihre negativen Eigenschaften endlich positiv nutzen. Nach Seebestattungen und denen im Wald, so hieß es, würden Lebendbestattungen jetzt der viel coolere Trend werden. Es gäbe da schon einen Haufen Hipster-Vampire, die diese Angebote nutzen würden und sich in Design-Särgen lebend an geheimen Orten bestatten ließen. Knackpunkt beim Dauerspezial der Deutschen Bahn sei aber, dass es in deren roten Dingern, gefertigt übrigens aus alten Zügen, kein Internet gäbe.

Kein Signal, nichts würde die hippen Deutsche-Bahn-Särge durchdringen. Dafür stehe die Bahn mit ihrem Namen. Kein Wi-Fi, kein Bluetooth, kein gewöhnlicher Handyempfang und das, also dieses ganze No-Internet-Ding-Feeling, das würde Lebendigbegrabensein zu einer Innovation, einer wirklichen Herausforderung, einer Challenge machen.

Free error from terror!“, so lautete dementsprechend auch der brandaktuelle Motivations-Slogan der Deutschen Bahn. Euphorisch war dieser (dialektisch regional ausgesprochen) in letzter Zeit immer wieder in den Zügen durchgesagt wurden. Besonders dann, wenn diese verspätet waren. Also: fuck mobility.

Wonderwoman jedenfalls hatte diese Institution dann einfach mal bei facebook geliked und schon die ganze Zeit gedacht, hey das wäre genau das Richtige für diesen fiesen miesen internetsüchtigen Superschurken Achterbahn.

Nicht mal Wi-Fi!“, ich sehe sie noch heute vor mir, wie sie das so sagte, um dabei ihren speziellen euphorischen Blick aufzulegen.

Da standen wir also in einem dieser geheimen Keller, vor jenem uns zugewiesenen rot-weißen-DB-Sarg, Wonderwoman und ich. Ich und Wonderwoman. Wir, den Gorilla-Achter fest umklammert haltend.

Der Gorilla-Achter dabei ahnungslos und nicht wissend, was schon bald mit ihm geschehen sollte.

Weltfraulich zückte Wonderwoman schließlich ihr Iphone und ließ sich von der Deutschen-Bahn-Free-Error-From-Terror-App einen Code zur Öffnung dieses menschengroßen Tresors generieren. Ein achtmaliges Piepen erklang und schwupp, der Deckel fuhr automatisch hoch. Sein surrendes Geräusch rauschte angenehm in meinen Ohren.

So Achterbahn, du mieser fieser internetsüchtige Superschurke, hier wirst du es schön gemütlich haben.“, zischte Wonderwoman, befreite Achterbahns Mund vom Verband und war schon dabei den fiesen Schurken in den blau bezogenen Deutsche-Bahn-Sarg zu stoßen, als dieser plötzlich wirklich noch einmal einen ganzen Zusammenhängenden Satz von sich gab:

Kampflesbe! Lesbosexuell genderinfizierte Pornonutte!“

Dabei neigte sich der Deckel tiefer und Achterbahn, der miese fiese Superschurke war schon fast nicht mehr zu sehen.

Yolo!“ quiekte ich fröhlich. Wonderwoman blickte mich herablassend an:

Looping, dein Vokabular ist so 2012!“

Looping, du Bitch, lass mal deine Promiskuität untersuchen!“ setzte Achterbahn noch obendrauf.

Dann krachte es und der Sargdeckel schloss sich für immer und ewig über Achterbahn, dem miesen fiesen internetsüchtigen Superschurken.

Nun war nur noch das Surren der vollautomatischen Dichtung zu hören, welche sich fest und fester zog.

Jenes Achtersche Schreien verstummte schließlich abrupt, ja brach schlagartig ab und hinterließ sie, diese diffuse, latent grauenerregende Stille.

Wonderwoman und ich überließen uns, versanken in vielsagenden Blicken. Blicke, die in unsere Tiefen und Untiefen drangen. Blicke, voller Entsetzen.

Wehmut umwehte diesen Vorgang.

Er würde da drinnen kein Internet haben. Kein Internet. Nicht einen einzigen noch so furzkleinen Balken, das würde dem miesen fiesen internetsüchtigen Achterbahn übel zusetzen.

Für den Hauch einer Sekunde tat er uns sogar leid. Ja, er tat uns wirklich furchtbar leid. Wir starrten zu Boden. Wir schwiegen. Wir .…

Möglicherweise waren wir sogar kurz davor Tränen zu vergießen …

Keine Zeit für falsche Sentimentalitäten.“, sagte Wonderwoman, während sie mir dabei ihre Hand sanft auf die Schultern legte. Wir flüchteten uns durch das von Wonderwoman zerstörte Fenster und beamten uns zurück in die internetfähige Realität.

Wir atmeten tief durch. Schlagartig tropfte ein Starkregen vom Himmel.

Und in der nächsten Folge:

Da Looping es nicht gelang Achterbahn im Alleingang zu besiegen wurde sie von Wonderwoman in ein technisches Museum verbannt.

Dort erlebt sie eine Aneinanderreihung zahlloser exakt gleich verlaufender Tage.

Ihr eigentlicher Auftrag war die zahlreichen technischen Gerätschaften zu studieren, um dieses Wissen dann bald schon gut einsetzen zu können.

Doch Loopings Nerven werden durch zähe Ereignislosigkeit strapaziert.

Wieviel Langeweile kann ein Mensch ertragen ohne davon ernsthaft Schäden zu nehmen?

Der Zalando-Mann kommt immer an …

Der Zalando-Mann klingelte, ich schrie vor Glück, ich schrie:

„Der Zalando-Mann kommt immer an. – Krass!“

Ich riss ihm den Karton aus den Händen und hörte mit dem Schreien niemals auf, weil ich in der Werbung gesehen hatte, dass man das so machen muss. Ich fetzte, jetzt brüllend, den Karton auseinander. Ich erwartete das Mitschreien des Zalando-Mannes – vergeblich. Der war Berliner, der sah mich einfach an.

Ich zog einen komplett roten Stofffetzen aus dem Karton. Krass. Endlich würde ich nicht mehr in alten ausgewaschenen billigen Wonder-Woman-Imitaten herum laufen müssen. Ich entdeckte außerdem mein neues Loopingphone, welches in eine Selfiestange integriert war.

Diese war überdies mit einem kitschigen Looping schlagenden Band versehen. Von nun an würde ich mich bei meinen Abenteuern auch noch permanent selbst filmen können. Aufgeregt begann ich mich gleich vorm Zalando-Mann umzuziehen, welcher das Geschehen empfindungslos aus dem Türrahmen beobachtete.

Ich hatte es supereilig und würde sofort wissen müssen, wie ich in dem neuen Fummel aussah. Ich betrachtete mich im Flurspiegel und sah darin auch die Augen vom Zalando-Mann. Das Kleid hatte Superheldenkräfte, die ähnlich wie ein Korsett funktionierten. Nur eben nicht so mechanisch und altmodisch mit Schnüre, sondern ganz einfach automatisch. Per Loopingphone konnte ich einfach die gewünschte Kleidergröße einstellen und schwupps, presste mich das Ding zusammen. Wichtig war dabei nur, die Kleidergröße nicht all zu klein zu wählen, sonst würde es einen ja zerquetschen. Auch durfte man sich nicht über die Schnappatmung in den ersten Minuten wundern, schließlich ist der Körper erst einmal nicht ans Einschnüren gewöhnt. Der Zalando-Mann stand während all der kurzen Zeit reglos im Türrahmen und hielt das zerfetzte Paket in den Händen. Dann hob er, zum ersten Mal, während all dieser Zeit ein wenig kreischend und zu hoch für einen Mann, die etwas zu zart geratene Stimme:
„Eene vom Jewerbe, watt?“ sagte er trocken und hielt mir sein Unterschreibe-Dings-Bums-Tablet hin. Ihm war es doch sicher die ganze Zeit um nichts anderes gegangen. Er hatte einfach keinen Bock gehabt Anteil an meinen Problemen zu nehmen und wie versprochen vor lauter Freude mit mir herumzukreischen. Dabei hatte mir die Werbung solche Momente versprochen, mein nächstes Superheldenkostüm, würde ich mir von wo anders besorgen müssen. Als ich meinen Kringel gekrakelt hatte, schmiss der Zalando-Mann mir das zerfetzte Paket mit dem zerrissenen Knüll-Papier hinterher und zog sich selber von draußen die Tür schnell ran, damit er meine Visage nicht länger ertragen musste.

Ich fiel mit dem leeren zerfetzten Paket zu Boden, heulte kurz und theatralisch laut auf und überlegte einen Moment mich beim Zalando-Kundendienst zu beschweren. Ich beruhigte mich schnell, denn ich entdeckte im Paket eine Karte. Sie glänzte golden auf der Vorderseite und die Rückseite beinhaltete, fein säuberlich handschriftlich geschrieben, die Worte: „LOOPING! RELAUNCH! – LOOPING! CHALLENGE! “

Ich entdeckte weiter einen Termin und eine Uhrzeit. Die relaunchte Looping solle sich in ihrem neuen Kostüm zu einer Superhelden-Challenge begeben. Yes, sagte ich mir und zog meinen eingewinkelten Arm siegessicher an meinen Körper heran. Mit meinem Relaunch wollte ich mich jetzt wirklich bessern und zwar in allen erdenklichen Punkten. Endlich eine dieser „Everything-but-nothing-Frauen“ werden, anstatt ewig im „Buttertalent-Status“ zu verweilen. Von nun an würde ich auch sicher regelmäßig an meinen Parkour- und Freerunning-Trainingseinheiten teilnehmen.

Euphorisch sprang ich also auf, nahm Haltung an, ging in die Knie und boxte stylish ein paar Kicks in die Luft. Dann sprang ich auf meinen Bürostuhl begann mich mit diesem wild im Kreis zu drehen und benutzte meine Selfiestange, um mich permanent dabei zu filmen. Ich unterstrich dieses Getue durch euphorische „Wuuuuhh-Laute“.

„Wuhhhhh, ich bin ein wuuuuh-girl!“ kreischte ich ins internationale Internet, aber ich glaube das interessierte einfach keinen. Ich verteilte noch ein paar empfindungslose „Gefällt-mirs“ auf facebook und schaltete so aus Versehen die Küchenmaschine an, die jetzt mit lauten Geräuschen in der Küche losratterte. Anscheinend hatte ich aus Versehen einen Hersteller von Küchenmaschinen geliked/geliket/gelikt.

„Wuhhhhhhh.“

Verträumt drehte ich mich gerade auf meinem Bürostuhl aus, als …
…. Oh nein! Der einzige Mensch, der mich altmodisch auf meinem Festnetz anrief, war meine Mutter. Erschrocken und mit glühendem Kopf überlegte ich kurz, wie dieses alte Ding überhaupt funktionierte und brachte mir dann in Erinnerung, dass man den Hörer einfach abnehmen musste und dass man das tat, indem man ihn eben einfach hochhob.

„Mutti?“, fragte ich zärtlich in den Hörer und benutzte den Bürostuhl jetzt wieder, um brav darauf zu sitzen.
„Kindchen, wir machen uns große Sorgen!“
Kein Hallo. Kein Wie geht’s. Boah! Ich hätte am liebsten einen Akkuausfall simuliert. Es waren die üblichen grundlosen Vorwürfe und sie endeten mit:
„Dein Vater sorgt sich eben auch …, auch wenn du es ihm nie ansehen würdest. Wenn du so weiter machst …“
„ … dann komme ich nicht in den Himmel?“
„Ganz genau.“, das war die Stimme meines Vaters. Krass. Unerlaubter Weise hatte dieser wieder einmal in ein Gespräch zwischen und meiner Mutter abgehört. Er tat dies einfach immer, indem er bei einem der zahlreichen analogen aber miteinander vernetzten Telefone im Zuhause meiner Eltern den Hörer abnahm. Ich war sauer und legte einfach auf.

Weltverloren starrte ich auf mein analoges Telefon. Am Abend wäre die geheime Challenge, ich begann aufgelöst ein paar Sudoku-Hefte zu lösen, um meine Aufregung zu verlieren. Ich hatte bald einen ganzen Stapel gelöst und weil ich nun nicht mehr wusste, was ich sonst noch hätte tun können, fing ich an zu duschen. Dabei jaulte ich leidenschaftlich eine Oper mit, bis es wie üblich an der Wand klopfte. Ich sprang aus der Dusche und begann über meine Fingernägel nachzudenken. Etwas uninspiriert saß ich bald schon mit offen stehenden Mund auf der Toilette und las in einem Buch, dessen Kurzgeschichten ausschließlich die Frage nach den richtigen Fingernägeln thematisierten. Das inspirierte mich voll, ich beschloss mir filigrane Loopings auf die Nägel zu lackieren. Als ich mit allem fertig war, nickte ich wie üblich mit dem Kopf und schrie:

„Let’s los!“, um mich zu meiner Challenge zu beamen. Aber nix da. Die Funktion zum Beamen lies sich nicht, wie gewohnt durch das Schreien meiner lieblichen Worte starten. Ich rief einen Techniker an, aber der hatte für das Problem auch keine Lösung parat. Ich probierte es mi Siri.

„Siri, be me to challenge!“, kreischte ich hysterisch in mein neues Loopingphone. Aber Siri war sich nicht sicher, ob sie das richtig verstanden hatte. Sie hatte „Siri, biete miete Challenge!“ verstanden und mir begann jetzt echt die Zeit davon zu rennen. Ich ging also schon mal los und diktierte Siri von unterwegs aus den Ort meiner Challenge, aber die hatte jetzt plötzlich ihre Internetverbindung verloren. Nein, Bitte nicht! Nach einem Neustart meines Loopingphones hatte ich Siri immerhin soweit, dass sie mir mittels einer Nadel, den Ort markierte, an dem die Challenge stattfinden würde. Das brachte mir nur leider gar nichts. Gewöhnliche Landkarten waren nicht mein Ding, ich brauchte diese Navigationsstimme, die dir an jeder Straßenecke erzählt, wo du lang zu laufen und abzubiegen hast. Irgendwann quatschte Siri dann doch los, sie rechnete mir auch schon mal aus, dass ich mindestens fünf Minuten zu spät erscheinen würde. Mist, einfach mal ohne Verspätung vor Ort zu erscheinen war bei mir einfach nicht drin.

Auf dem Weg probierte ich meine Selfie-Stange noch mehrere Male aus und suchte meine altbewährte „Let’s-Los-Funktion“ vergebens an ihr. Die Techniker hatten technisch alles so sehr vereinfacht, dass es für mich nun zu kompliziert war. Mehrere Male noch schlug ich meinen neuen Looping-Stab wie den alten gegen die Innenseiten meiner Handflächen und quiekte: „Let’s los!“ Dabei versuchte ich mit diesem „Let’s los!“ stimmlich irgendwie alles mal zu machen, um die altbewährte Funktion zu starten. Ich kreischte „Let’s los!“ mal übelst hoch, dann hauchte ich es leise, ich imitierte sogar eine Männerstimme, aber nichts half. So sehr ich das Teil beim Sprechen von „Let’s los“ auch gegen die Innenseiten meiner Handfläche schlug, es rührte sich nicht und weigerte sich mich zur Challenge zu beamen. Es war also eindeutig meine Kack-Superheldenausrüstung, die dafür verantwortlich war, dass ich zu spät erschien.

„Porno-Schrulle.“, lachten und grölten ein paar Pubertierende in meinem Blickfeld. Ich sah, wie um mich zu versichern, an mir herunter und in die Gegend … und na ja, diese Blicke. Kurz ließ ich resigniert die Schultern hängen. Menno, mein neues Superheldinnen-Kostüm war anscheinend nicht cool, sondern einfach obszön. Traurig stopfte ich mir die schallenden Enden meiner Kopfhörer in den Kopf und verband das einzelne Ende mit meinem Loopingphone. Wenigstens das Musikhören funktionierte noch wie immer.

Musik hörend begann ich also die Straßen herunter zu trotten, bis meine Schritte hastiger, bis sie schneller wurden. Ich begann zu traben, dann stellte ich fest, dass ich nahezu rannte, und zwar ohne, es zu wollen. Ich joggte in einem Affenzahn durch die Stadt. Außerdem hatte mein Körper jetzt ebenso willenlos eine Art Angreiferhaltung angenommen.

Ich bog ab, nahm Kurven, übersprang Hindernisse und kleinere Mauern und das alles, ohne, es zu wollen. Luft holen schien fast unmöglich, doch Anhalten ebenso. Ich wurde … fremdgesteuert? Eine fremde Macht? Ich glaubte gerade zu kollabieren, mein Körper hyperventilierte, da brach die Musik ab und eine Stimme ertönte, sie war von männlichem Klang.

„Looping! Bitch! Ahahahaha.“, lachte die Stimme höhnisch.
„Ghiiiii!“, ich erschrak, ein lauter Schrei kroch zwischen meinen Lippen hervor. Ich wäre jetzt gern vor Schreck stehen geblieben. Aber es ging halt nicht. Die Stimme, die ich hörte, das war die fiese miese Stimme von Achterbahn.
„Muhahahahahaaar! Looping, diesmal kommst du mir nicht davon.“, zischte dieser. „Achterbahn.“, meine Stimme zitterte diesen, seinen Namen. Achterbahn war außer sich, außer sich vor Wut, wegen einer bescheuerten Vase, wie er mir jetzt erklärte. Eine hässliche Vase, die er einst bei mir untergestellt hatte, und die ich eben weiter verschenkt hatte, weil sie mir zu hässlich war.

„Aber das war eine Vase von Rosenthal.“, kreischte Achterbahn, der sich jetzt mit mir über meine Kopfhörer unterhielt.
„Und?“

Die Vase war schwarz gewesen und hatte wie ein Mülleimer ausgesehen, nur eben aus Porzellan und mit Goldverzierungen. Ich mochte keinen Scheiß, der irgendwann in den Achtzigern mal modern gewesen sein muss, in meiner Wohnung herumstehen haben. Aber war diese Vase etwa der Grund, warum wir uns bekriegten? Uns hassten? Er die Welt zerstörte und ich verzweifelt versuchte sie zu retten? – Geschah all das aufgrund einer hässlichen Vase.

„Eine Vase von Rosenthal!“, kreischte Achterbahn noch einmal und weiter:
„Deine heutige Challenge, das bin ich. ICH BIN DIE CHALLENGE. Ich habe mich in dein ganz persönliches System eingehackt. – In dich. Ich habe deinen Kopf geknackt. Ich höre, was du denkst und ich bestimme, wie du dich bewegst und wohin du gehst. – Guck hier!“, totterte er und ich bemerkte, wie sich mein Tempo wieder erhöhte.

„Achterbahn, du Hacker, bei Dir hackt’s wohl? – Das ist meine Vase, du hattest sie mir geschenkt.“, schrie ich keuchend. Meine Kraft schwand. Dabei hatte ich das Gefühl, kurz vor einem Zusammenbruch zu stehen.

„Schweig Weeeeib!“, schrie Achterbahn und ich wurde zu einer Art Speedy Gonzales, der während des Rennens eine Diskussion mit seinem Smartphone führt.

„ Ich will meine Vase zurück.“
„Nein, du hattest sie mir geschenkt.“
„Nichts da, ich hatte sie lediglich bei dir untergestellt. Nur das. Sonst nichts.“
„Hattest du nicht.“
„Doch.“
„Nein.“
„Bitch.“
„Evolutionsbremse.“
„Nullcheckerin.“

„…“

Und während wir so vor uns hin stritten, merkte ich, wie mein nicht zu mir gehörender Körper die Arme hob und beugte und die Hände zur Faust ballte. Ich schleuderte zunächst ein paar leere Kicks in die Luft, um schon bald Passanten zu attackieren.
„Nimm das, Puppe! Und das! Und das!“, Achterbahn zielte und teilte ordentlich aus. Sicher saß der irgendwo in Honolulu am Strand hinter einem seiner Computer und spielte mich, als wäre mein Leben zu einem dieser Ego Shooter geworden.

„Heeeeja!“, schrie ich mit jedem Schlag. Ich hatte die Kontrolle über diese Dinge komplett verloren. Nur ein Mindestmaß an Redefreiheit, welches jedoch zunehmend unter meiner aufkeimenden Schnappatmung litt, war mir geblieben. Im P.-Berg landete einer meiner Kicks fast direkt im Bauch von einer Hochschwangeren. Galant ließ Achterbahn meine Faust direkt vor ihrem Bauch stoppen „Glück gehabt, Looping!“, sagte er und lachte noch einmal besonders höhnisch.

Und (vielleicht) in der nächsten Folge: Wird es Looping gelingen, schnell alles zu lernen, was man über Programmierung wissen muss, um den feindlichen Virus aus ihrem Kopf zu löschen.

 

Gibt Looping den Löffel ab??

Alles begann an einem Montagmorgen, ich schüttete mir eine Tasse schwarzen heißen Kaffee direkt
in den leeren Magen und ließ feurig eine weitere von schon zu vielen Zigaretten zwischen meinen Fingern 
verglühen. Bäh, wie sehr musste ich den Weg zu meinem Herzen eigentlich noch teeren, bis ihn Batman endlich finden würde. Nein, Looping, nicht jetzt, nicht heute, nicht schon wieder einer dieser abgebrühten Sprüche, die keiner mehr hören kann. Montag also, Woche zwei nach meinem ersten Auftrag, Stunde Null irgendwie.

Ach, hätte ich doch Batman niemals kennengelernt. Wir denken jetzt nicht an Batman. Wir denken jetzt nicht an Batman. Und wer sind eigentlich wir?

Aber da war es auch schon zu spät und theatralisch – ich neige einfach dazu an unkontrollierbaren Gefühlsausbrüchen zusammenzubrechen – brach ich vor mir selbst in Tränen aus. Ich saß auf meinem Balkon und weinte und schrie halt hysterisch herum und zeitgleich mit mir, mit meinen plumpen Tränen begann auch der regenschwere graue Himmel in mein Gejaule einzustimmen.

Zuerst platschten ein paar einsame dicke Tropfen verloren auf meine Hände und brachten die Glut meiner Zigarette zum Zischen und nur wenige Augenblicke später, als mein Heulen leidenschaftlicher und damit nasser wurde, vermengten sich eben diese Tropfen zu einem Regen, bis sich ein Wolkenbruch vor meinem Balkon ergoss und das kleine beschauliche Rinnsal in meinem geliebten Blumengarten auf eine beängstigende Weise anschwellen ließ.

Ich aber schrie es in den grauen regenschweren Tag hinaus:


„Batman! Elendes Fusselhirn!!“

Und dabei warf ich die Arme in die Höhe als betete ich zu Gott. Aber keiner konnte das hören oder bemerken. Der Himmel donnerte einfach zu kräftig und Wolken brachen ineinander zusammen. Ein Blitz schlug in den kleinen beschaulichen Kirschbaum in meinem Vorgarten ein. Krach. Blitz. Boom. Bang. Der Baum geriet ins Schwanken und gab knackende Geräusche von sich, um dann hysterisch auf dem Garagen-Dach zusammenzubrechen. Das Holz brach und all die hübschen rosa Blüten wehten auf einmal von dannen. Ich weinte hier noch einmal lauter, senkte die Arme vor der Brust zusammen und gab herzzerreißende Wuhhhhh-Laute von mir. Aber keiner schenkte mir Aufmerksamkeit.

Diese schaurige Woche ging im Nass meiner Tränen vorüber, auch das Wetter blieb beständig regnerisch, es war als heulten wir gemeinsam vor uns hin. Da schaltete ich seit Tagen das erste Mal den Fernseher an: Huch, Katastrophen-TV schon wieder! Und dabei das! Sachsen tauchte ab, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Bayern und die Schweiz ja auch schon wieder. Krass! So ein Hochwasser! Ich verzog meinen Mund in eine 45-Grad-verschiefte-Schieflage und schaltete den Scheiß gleich wieder aus.

Jetzt erst fiel mir auf, dass mein Telefon seit Tagen achtlos und ausgeschaltet auf dem Fußboden unter der Couch gelegen hatte. Die Katze musste mit der daran befestigten Schnur gespielt haben und es so ganz unauffällig weiter und weiter, bis in die tiefsten Untiefen unter meiner Couch befördert haben. Ich kroch also heldenhaft mit dem Kopf unter selbige, zog es niesend hervor und würde nun nur noch schnell eine halbe Stunde nach dem Ladegerät suchen müssen.

Als mein Telefon endlich wieder on air war – ich habe leider nur so ein übelst langsames Drecks-Dingens-Smartphone – blinkten prompt zahlreiche Tweets und Mitteilungen, Mails und so ein Zeugs auf. Anrufe meiner Eltern, die neusten Liebeskummer-lohnt-sich-nicht-Song-Empfehlungen meiner Schwester auf Youtube und und und.

Ich wollte gerade alles sondieren und in Ruhe überlegen, was nun zu tun sei, als es plötzlich und ohne, dass ich jemanden erwartet hätte, an der Tür klingelte. Ich hatte jetzt wirklich keinen Bock irgendwelchen unbekannten Wesen die Tür zu öffnen, also verhielt ich mich still, bewegte mich nicht, zog mir nur leise eine Decke über den Kopf, tat als sei ich nicht da und hoffte, die blöde Postfrau würde gleich wieder gehen. Wenige Sekunden später klingelte und klopfte es jedoch vehementer und es rief ja auch:
„Lydi! Lydiiiiiie!“

Mist.

Ihre Stimmen waren nicht zu verkennen. Aber ich war doch noch im Schlafanzug, es war der hässlichste, den ich besaß, außerdem hatte ich mir vor zwei Wochen das letzte Mal die Haare gewaschen und es war wirklich zu spät am Tag, um noch einen Schlafanzug zu tragen. Ich hatte mich wegen Liebeskummer auf unbestimmte Zeit krank schreiben lassen. Mir war jetzt auch nicht nach Keksen und Kaffee oder was auch immer für eine Tageszeit wir gerade hatten und was da zu essen wäre. Außerdem hatte ich auch nicht geputzt und so. Missmutig öffnete ich also langsam schiebend meine Wohnungstür und steckte meinen geschundenen Kopf dort hinaus:


„Wer stört?“


Es waren zwei meiner Freundinnen, angewidert zerschlugen sie die Spinnweben in meinem Türrahmen und hielten mir ein knallrotes Walkie-Talkie vors Gesicht.

Lydiiiie, das kam in einem …“


Sie sahen einander an, dann hochaufgeregt zu mir:


„Eil-care-paket!“


Sie riefen dieses seltsame Wort ja vollkommen zeitgleich aus, um fortzufahren:


„ … aus der Schweiz.”,

wieder gleichzeitig und dabei hielten sie dieses rot leuchtende Ding ein wenig unbeholfen, ein wenig angewidert in den Händen.


„Es ist schon ganz heiß gelaufen!“,

zwitscherten sie weiter und schmissen es sich unbeholfen und hektisch gegenseitig zu.


„Irgend so ein Schweizer ist dran.“
,

„Er behauptet vielleicht, er müsse dringend mit dir sprechen, aber mehr ist da wirklich nicht zu verstehen.“,

sagten sie wieder und hüpften aufgeregt auf dem Fußabtreter vor meiner Tür herum. Es regnete noch immer. Ich konnte sie jedoch aufgrund der Unordnung keinesfalls in meine Wohnung hineinlassen.


,,Gebt mal her!“,

sagte ich und hielt mir das Ding ganz fest an die Ohren, um es sogleich wieder weit davon weg zu halten!


„ … für den hani sovil Stutz zahlet, u dä ischer nidemou ä Frank, sondern … ach, der chunt vo irgewo da häre, e Dütscher. Spiut sich uf wie wänn er Chef wär, het ds Gfüehl, er wüsst immer auis besser, nur wöu er ne Superheld isch. U dr schnurret ou immer so luut, wie wenn er würd ne Befehl geben. Hät üs gar nüd z säge, d huredütsche Gummihaus. Üsi Schwyz ist wiedr emou vou mit Wasser. Nur wöu er mit d Sturmschäde hät Erfahrige gmacht u dis i sis Lebenslouf gschriibe hät, gloubt er, er chöii ds auis gli zr Awndig bringe! Over!“

Bitte was? Wer spricht da? Over.“


Die Stimme am anderen Ende des Walkie-Talkies räusperte sich und schien auf etwas, das schon ein wenig mehr nach Hochdeutsch klang, umzustellen.


„Lydia Looping? Looping? Hier spricht Frying Lilian. Weißt du noch? Wir haben uns bei deinem letzten Besuch in der Schweiz, in diesem Papiliorama kennengelernt. Ich hatte so tierische Angst vor all den frei fliegenden Fledermäusen, davor dass die vielleicht mal an mir knabbern würden. Und wir haben lange zusammen überlegt, ob Fledermäuse sich notfalls auch von Menschenblut ernähren würden. Over.“

Ich schloss die Augen, zupfte nachdenklich ein paar Mal an meiner hervor geschobenen Unterlippe und versuchte mich zu erinnern.

Weißt du nicht mehr? Du hast mir doch den Weg nach draußen gezeigt und ich habe dich zum Dank zu meiner All-You-Can-Fry-Party eingeladen. Over.“

Rauschen.

Frying Lilian, jetzt dämmerte es mir.


„Lilian! Na klar. Over.“, schrie ich.


„Twitter hat uns getweetet, dass du umgehend nochmal kommen musst, Lydia-Looping! Over!“


„Ghiiiii, Uuuuh, Haaach!“,

schrieen meine Freundinnen und ließen verschreckt ihre Hände vor offen stehende Münder gleiten.


„Du bist diese Lydia-Looping?“


„Diese Superheldin?“

ihre Stimmen erhoben sich in unendliche Höhen. Ihre bauchigen gepunkteten Röcke wurden jetzt von einem Windstoß synchron mit einem Schwung zuerst nach links, dann nach rechts geweht, während ihre Hände vor den Mündern zu erstarren schienen.
 Sie kreischten ein langwieriges und lautes „Ohhhhh!“ und …

Contenance!“ sagte ich und fuhr adrett die Antenne vom Walkie-Talkie ein.


,,Ich werde gebraucht!“


Dann schmiss ich ein wenig unsanft die Tür zu, ließ die Beiden im Regen stehen und trat auf meinen Balkon, um einen besseren Empfang zu gewährleisten.

Ich stellte mich auf meinen umgedrehten Wischeimer, mein schlabbriger Schlafanzug wehte dabei lässig im Wind. Jetzt zog ich die Antenne des Walkie-Talkies ganz weit heraus. So weit es eben ging, ich brauchte dringend noch besseren Empfang.


,,Lilian, wie kann ich helfen? Over.“


„Ach dieser Neunerbahn. Wir haben ihn so teuer bezahlt und jetzt … und … na weil er so viel Geld verdient, denkt er, er würde alles besser wissen, blöder Besserwessi aus Berlin. Dabei hat er mit Hochwasser keine Erfahrung. In seinem Lebenslauf steht schließlich nur was von Sturmschäden. Wir müssen ihn dringend von den Hochwassergebieten fernhalten. Over.“

Ich riss die Augen so weit auf, wie nie in meinem Leben sonst.

Ihr habt Neunerbahn bezahlt und dafür eingestellt, dass er euch in schwierigen Situationen zur Seite steht!“

Ich musste augenblicklich laut anfangen zu kreischen:

Ghhhhhhhhiiiiiiiiiii! – Ihr seid übel herein gefallen, Neunerbahn ist der fieseste mieseste Superschurke im ganzen Universum! – Ich werde sofort alles nötige einleiten und zu euch kommen. Ich werde die Schweiz retten, komme was wolle. Ich nehme den nächsten Linienflug und sammle dabei auch noch Meilen. Over.“

Sorgfältig fuhr ich die Antenne des roten Walkie-Talkies ein, hielt es mir noch ein paar Minuten nachdenklich an die Wange, dann hatte ich einen Plan, dann wusste ich was zu tun war.


„Heeeeeeeeeeeeeeeeiiiiija!“ schrie ich,

„Let’s los!“ und dabei nickte ich mit dem Kopf und machte einen riesigen Satz und sprang so euphorisch vom Wischeimer, wie nie in meinem Leben sonst. Na hoppla, da hatte ich mir scheinbar auch schon den Knöchel verstaucht.


„Autschie-Wautschie!“, kreischte ich und umgriff mir den Knöchel. 
Für einen Moment schmerzte es höllisch, so sehr, dass ich zu Boden ging und mich kaum noch bewegen konnte.


„Autschie-Wautschie!“


Ich entschied mich heldenhaft vom Balkon in die Wohnung hinein zu rollen. Aber wie nur sollte ich Frying Lilian nun noch zur Seite stehen? Im Wohnzimmer angekommen schnappte ich mir mein Smartphone und beschloss, die Welt schnell, bequem und so unglaublich kostengünstig per Tweets auf Twitter zu retten:

@Frying-Lilian! Bin schwer verletzt und kann Ihnen nicht zur Seite stehen.“

@Frying-Lilian, tut mir leid, tut mir leid, tut mir leid!“

@Frying-Lilian, nehmen Sie sich bitte vor Neunerbahn in Acht, man neigt leicht dazu, ihn dramatisch zu unterschätzen.“

Als ich damit fertig war, grinste ich selbstgefällig vor mich hin und stellte den Status all meiner technischen Geräte auf:


„Bin aus technischen Gründen nicht erreichbar, da es technisch leider nicht möglich ist, mich zu erreichen.“

Ich fuhr die Dinger herunter und schob sie wieder unter meine Couch. Wenige Augenblicke später reaktivierte ich meinen alten, noch nicht mit dem Internet verbundenen CD-Player und ließ diesen unser Lied spielen (also das Lied von Batman und mir). Es sollten noch einige Tage vergehen, in denen ich mich ganz den Schmerzen meines Knöchels und denen meines Herzens hingab.

Und in der nächsten Folge: Eine Liebesszene? Wird Batman wieder mit Lydia-Looping Kaffee trinken gehen? Und wenn ja, scheint dadurch dann etwa die Sonne zu oft? Haben wir möglicherweise eine dramatische Waldbrandgefahr zu befürchten?

Looping passt nicht mehr in ihr Superheldinnen-Kostüm

Ein Sonntag im November, kalter Sprühregen tauchte die Stadt in ein dunkles nasses Grau. Ich hatte die Spätschicht, checkte gerade noch ein paar Fluggäste durch. Dieser Stewardessenbodenpersonalhilfsjob war der erste, den man mir seit langer Zeit noch nicht innerhalb weniger Wochen gekündigt hatte. Es war gerade nichts zu tun, also kramte ich möglichst unauffällig nach meinem Smartphone und dabei vergaß ich natürlich niemals zu lächeln. Ich öffnete tausend Menüs, um möglichst alle meine Social Media-Accounts nach Nachrichten, abzugrasen, als sich wieder einmal die Twitter-App ganz wie von selbst öffnete und in den Vordergrund drängte.

Ach nö, dachte ich.

Ein gellend lautes Geräusch ertönte und mein Handy schrie mich wie von selbst an:
„Lydia Looping! Bitte kommen, Lydia Looping! – Über dem immer noch nicht fertiggestellten Flughafen BER kreist seit einer halben Stunde eine kroatische Maschine. Sie ist vor Stunden entführt wurden. Es geht um Acht Hochleistungsröhrenmonitore. Der gemeingefährliche Superschurke Achter Achterbahn hat sich aus der Geiselnahme kongolesischer Zigarrenhändler befreien können und treibt jetzt wieder sein Unwesen im friedlichen Berlin. In einem dieser Hochleistungsröhrenmonitore an Bord steckt das Geheimnis der künstlichen Intelligenz in Form von acht ultrasensiblen 8-Bit Codes.“

Ich atmete tief, glaubte ich doch dieses doofe Superheldinnenleben längst hinter mir gelassen zu haben. Seit Monaten schon war ich frei gewesen, war nicht mehr gerufen worden. Wie von Sinnen zog ich am Griff meines Rollkoffers und entblößte meinen zauberhaften Looping schlagenden Zauberstab. Kunstvoll hob ich diesen in die Luft, das Band tanzte in der Luft, und mein Körper verspürte diesen seltsam erregenden Drang dem Band hinterher zu tanzen, zu springen. Aber ich hatte jetzt wirklich keine Lust auf diesen Quatsch. Draußen war es so kalt, es regnete und ich würde doch bald Feierabend haben.

„Kann das nicht wer anders machen?“ twitterte ich schließlich an Twitter zurück.

„Lydia Looping! – Das war kein tWITZ!“

„Na gut.“ twitterte ich also resigniert und seufzte.

Sollten sie mich doch feuern, dann würde ich wieder meine Ruhe haben. Ach, ich bereute es, mich bei Twitter angemeldet zu haben. Warum nur hatten sie ausgerechnet mich zur Superheldin auserwählt? Ich wäre doch lieber eine einfache Stewardess geblieben. Nein! Stattdessen hatte irgendein total bekloppter infantiler Generator entschieden mich, ausgerechnet mich, die unfähige tapsige Lydia zu einer Superheldin zu machen.

Ich beschloss diese scheiß Zufallsgeneratoren für immer zu hassen. Wutentbrannt und frustriert packte ich meinen Superheldinnenzauberrollkoffer, zog dort gewaltsam meinen Looping-Zauberstab heraus und rollte hektisch bewegt in Richtung Dienstumkleiden. Meine Absätze hinterließen wütende Geräusche auf dem harten Boden im Flughafen Tegel.

Ich hatte mir vorgenommen, mich diesmal really zu beeilen und schlug heftig hetzend die Tür zu den Umkleiden auf, da traf es mich wie ein Schlag. Mit aufgerissenem Mund stand ich ein paar Sekunden da und starrte ihn an, ihn, Quentin Delinquentin. Wie so oft … oder was sag ich da, wie immer, saß er bucklig in den Umkleiden und stocherte traurig in seinem Joghurt.

Ich schenkte ihm ein gequältes Lächeln und hätte mich einfach schnell und vor allem schweigend umziehen sollen, aber Quentin glaubte seit einiger Zeit mein Freund zu sein. Mein bester bester Freund. Ich gab mir also noch einmal Mühe und verzerrte die Lippen genau so, dass nun auch Zähne zum Vorschein kamen.

„Lydia!“, quiekte Quentin fröhlich. „Lydia, Lydia, Lydia!“ und dabei sprang er auf und klatschte euphorisch und vollkommen affektiert in die Hände.

„Ich bin so froh, dich zu sehen, Herzchen, Häschen, Honey … Hach, was auch immer!“ Dabei schmatzte er mir drei feuchte kalte Küsse auf die Wangen, um mich darauf an den Schultern zu packen. Er sah mir tief in die Augen und schüttelte dabei meinen Oberkörper.

„Was geht Schätzchen?“, fragte er.

Ich löste mich, bewegte meine wenig heißen Hüften schleppend zum Spint, senkte den Kopf und hauchte:

„Ach nichts!“

„Was nichts?“, fragte Quentin, folgte mir und begann dabei wieder so lieblos, wie noch kein Mensch vor ihm, in seinem Joghurt zu löffeln. In einem Anfall von Leidenschaft begann Quentin über sein Leben als Steward zu schwadronieren.

Dabei schob er mit jedem Satz seine grau melierte Hornbrille höher nach oben, tief und tiefer in sein Gesicht und begann zu reden zu reden und zu reden und zu reden und zu reden und zu reden und zu reden und zu reden und zu reden und zu reden und zu reden, ohne Punkt, Komma, Strich und Pause zu reden. Bis mir der Kopf zu platzen drohte. Scheiße man.

„Quentin!“, bremste ich ihn.

„Quentin, wirklich!“

Doch Quentin schob sich seine Hornbrille immer weiter nach oben. Gottverdammte Mistkacke, dachte ich. Ich muss jetzt aber mal wirklich die Welt retten! Acht Hochleistungsmonitore, eine entführte kroatische Maschine, Menschenleben in Gefahr und irgendein geheimes Wissen in den Händen von Achter Achterbahn. Sie wissen schon! Schweißperlen benetzten meine Stirn. Traurig senkte ich den Kopf, spielte mit dem Zeigefinger an meiner hervorgehobenen Unterlippe und trat mit dem rechten Fuß schwer und hörbar auf den Boden.

„Quentin!“, sagte ich.

„Quentin.“, und wischte mit der Hand über meine geschlossenen Augenlider.

„Quentin, sei jetzt endlich still, menno!“

„ … ob ich da wieder falsch liege oder diese Elaine vielleicht möglicherweise wahrscheinlich wirklich doch die übelste Schlampe ist? … “

Ich quälte mir eines dieser zwiespältigen Lächeln ab, stemmte die Hände in die Hüften, stampfte bockig auf den Boden und unterbrach ihn, schreiend:

„Quentin, ich muss jetzt kacken!“

Darauf hob ich meinen Hintern, riss ich eine Tür auf, schmiss diese wieder zu und versuchte mir also im Verborgenen schnell mein Superheldinnen-Kostüm anzuziehen. Das blöde war nur, dieses Kostüm hatte schon ewig keinen Einsatz mehr gehabt. Es wollte mir  nicht mehr passen! Ich zog mir das Kostüm so hoch wie ich nur irgendwie konnte und sprang zur Tür raus und schrie:

„Quentin! Quentiiiiiiiiiiiiiin.“

Der billige Reisverschluss klemmte und hatte sich bereits in überschüssige Hautmassen eingearbeitet. Ich zog ein furchtbare Schnute und zeigte auf meinen Rücken. Quentin verstand wortlos, begann ein wenig von den strengen Regeln seiner neuen Trennkostdiätvariationsvariante zu erzählen und ich atmete und er zog und ich atmete und er zog. Schließlich rastete das Ding ein.

„Ich bin sooooo fett“, jammerte ich und weiter: „Ich bin so eine scheiß Superheldin.“ – „Niemand hat mich lieb.“ – „Ich mache alles falsch.“ – „Meine Haare fallen auch aus.“ – „Und ich will ein neues Superheldinnen-Kostüm, ein eigenes, ein schönes, Quentin! Uäääääääääääääääääää!“

Da blinkte auch schon mein Smartphone, die Twittermelodie erklang und sie teilten mir mit, dass sich Achter Achterbahn nun eine einzelne Geisel geschnappt hätte. Er drohe damit sie zu erschießen und den gesamten, noch nicht fertiggestellten Flughafen BER zu sprengen. Lydia Looping solle doch über solche Konsequenzen mal nachdenken, ob Lydia Looping ihre blöde Superheldinnen-Kleidung wirklich wichtiger wäre, als Menschenleben und vor allem als die Berliner, die doch seit Jahren so sehnsuchtsvoll auf die Fertigstellung vom Flughafen warten würden. Hätte Frau Looping denn so gar kein Gewissen?

Mein Telefon klingelte und piepste also unentwegt. Doch anstatt meinen Koffer zu nehmen und loszulegen, zu fliegen, schmiss ich meinen Kopf theatralisch in Quentins Schoss und schrie:
„Keiner hat mich lieb! Batman ruft nie zurück und Spiderman verbringt lieber andauernd Zeit mit seiner Mutter statt mit mir zu kuscheln!!!!“
Meine dicken klebrigen Tränen tropften in Quentins Joghurt. Ein schweres Bedürfnis andauernd zu schniefen, erschwerte mir das Reden.

„Und … und … und Catwoman hängt nur noch mit Wonderwoman rum. Ach, Quentin? Was soll ich nur tun?“

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Quentin seine fette fesche Brille nun aus dem Gesicht hob, um mich mit seinen blanken Augen tiefer ansehen zu können.

„Ach Lydia ein eigenes Kostüm hast du wirklich echt verdient.“, sagte er und machte eine Drehbewegung mit seinem Handgelenk.

„Dieses billige Wonderwoman-Imitat ist einfach grausam. Wie soll man in diesem Fetzen auch die Welt retten!“

Ein breites Grinsen formte sich auf meinen Lippen. Quentin hatte Recht. Quentin war eben doch mein einziger und bester Freund. Schniefend fragte ich ihn nach einer Zigarette und Prosecco, denn wenn Quentin eines immer dabei hatte, dann war es neben Naturjoghurt und einem Löffel aus Holz, eine wirklich gute Flasche Prosecco und auch ein paar dieser hauchdünnen „Feine-Lady-Zigaretten“.

Quentin und ich begannen uns mit Prosecco zu zu dröhnen und schliefen irgendwann betrunken in der Umkleide ein. Mein Handy fiel zu Boden und brabbelte wohl noch die ganze Nacht unbemerkt vor sich hin. Als ich am nächsten Tag auf meinem Nachhauseweg die Boulevard-Blätter der Stadt betrachtete, verfolgten mich die Nachrichten des Tages von allen Seiten.

„Geiseldrama am BER – Superschurke Achterbahn sprengt fast fertigen Flughafen“

Und in der nächsten Folge:

Wird Lydia Looping in ihrem nächsten Fall eingreifen???
Oder wird es diesmal ihre Haarfrisur sein, die ihr wichtiger erscheint, als die Rettung Berlins?